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Alternative Finanzierungsformen – Wie Unternehmen sich heute übers Internet finanzieren – Teil 3
Serie

21.10.2020
Blick auf Schreibtisch mit diversen Gegenständen wie Zeitung, Taschenrechner, Mobiltelefon, Laptop

Das Internet ermöglicht es Unternehmen, neue Finanzierungsformen abseits der klassischen Bankenfinanzierung zu nutzen. Die Bandbreite an alternativen Finanzierungsformen ist dabei groß und kann auf so manchen unübersichtlich wirken. In unserer aktuellen Serie wir Ihnen diese Finanzierungsformen vor. Dies ist der dritte Teil, in dem es um Crowdlending als alternative Finanzierungsform geht. Wenn Sie den zweiten Teil verpasst haben, in dem wir einen Blick auf Crowdinvesting werfen, finden Sie ihn hier.

Crowdlending

Diese kreditbasierte Form der Schwarmfinanzierung ist unter vielen Begriffen bekannt, von denen Crowdlending und Peer-to-Peer-Lending nur die bekanntesten sind. 1973 wandte die Organisation Accion im brasilianischen Recife und später in anderen Ländern Südamerikas das Prinzip vermutlich zum ersten Mal analog an und reichte innerhalb von vier Jahren 885 Darlehen aus, die 1.386 neue Jobs schufen oder sicherten. Doch vermutlich niemand hat mehr für die Verbreitung des Crowdlending getan als der Wirtschaftswissenschaftler Professor Muhammad Yunus. Seit 1983 ermöglichte der Bangladeshi mithilfe seiner Grameen Bank (Dörfliche Bank) Hunderttausenden Menschen vor allem auf dem Subkontinent den Aufstieg aus der Armut – per Mikrokredit. Wollten sich die Ärmsten der Armen, denen herkömmliche Banken schlicht kein Konto einrichten würden, zuvor als Kleinunternehmer selbstständig machen, mussten sie sich in der Regel Geld zu Wucherzinsen von Kredithaien leihen, wobei der Schuldendienst die Leute oft erst recht lebenslang in der Armut verankerte.

Legen wir doch alle zusammen!

„Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“ Als Wirtschaftswissenschaftler wusste Yunus natürlich, dass Bertolt Brechts Feststellung in „Die Dreigroschenoper“ überaus zutreffend ist, also machte er sich ans Werk. Grameen funktioniert wie eine Genossenschaftsbank, übertragen auf eine dörfliche Gemeinschaft, denn ihre Mikrokreditnehmenden wurden Mitglieder und Miteigentümer der Bank. Klassischerweise wollten die anfangs rein bengalischen Kreditnehmenden etwa Saatgut kaufen oder eine Nähmaschine, um eine Schneiderei zu betreiben. Grameen bewilligte die Mittel und aus den Rückflüssen des neuen Geschäfts wurden Zinsen und Kredit getilgt. Der entscheidende Mechanismus für den Erfolg des Modells war, dass erst dann, wenn eine bestimmte Anzahl von Kreditnehmenden in einem Dorf jenes Darlehen regelmäßig zurückgezahlt hatten, die nächsten einen Kredit erhielten. Somit war eine pünktliche Rückzahlung in aller Interesse. 

Da die Kreditgebenden zugleich aus der Nachbarschaft kommen und damit potenzielle Kundschaft der Kreditnehmenden sind, werden die Kredite verlässlich gezahlt. Man kennt und vertraut sich. Und ganz wichtig dabei zu erwähnen: Die allermeisten von ihnen sind weiblich, was in nahezu feudalistisch organisierten, patriarchalischen Gesellschaften entscheidend für die Entwicklung dieser Gesellschaften ist. Frauen sind ohnehin schon klassische Buchhalterinnen, die ganz genau wissen, wie sie ihre spärlichen Ressourcen einsetzen müssen. Auch deswegen liegt die Ausfallquote bei nur rund zwei Prozent, wobei sich im Microlending erwiesen hat, dass Frauen deutlich bessere Schuldner sind als Männer

Muhammad Yunus schuf mit der Erfindung der Mikrokredite die Grundlage für Crowdlending und erhielt dafür den Friedensnobelpreis.

Crowdlending emanzipiert Frauen

Da die Mikrokreditnehmenden, die oft weniger als 100 US-Dollar benötigten, um ihr Unternehmertum zu finanzieren, plötzlich vom Joch der Wucherzinsen befreit waren, konnten sie ihrer Kreativität freien Lauf lassen und eine finanzielle Unabhängigkeit – auch und gerade von Ehemännern – erreichen, die ohne den gemeinsamen Finanzpool nicht möglich gewesen wäre. Sie emanzipierten sich auf mehreren Ebenen und konnten ihren Kindern eine bessere Bildung ermöglichen. 

Das Modell machte Schule und verbreitete sich jenseits von Bangladesch, mehrere Anbieter unterschiedlichen Leumunds erschlossen sich neue Märkte. Selbst konventionelle Banken streckten ihre Fühler aus. Diese Idee war so revolutionär, dabei gleichzeitig simpel und der Erfolg der Grameen Bank so durchschlagend in Ländern wie Bangladesch, Indien oder auch Mexiko und Nigeria, dass Professor Yunus dafür 2006 der Friedensnobelpreis verliehen wurde; nur ein Award unter vielen. 

Laut Zahlen der Grameen Bank mit Stand November 2019 verfügt jene dörfliche Bank über 2.568 Filialen und bietet ihre Dienstleistungen in 81.678 Dörfern an (oder 93 Prozent aller Dörfer in Bangladesch), die stattliche 9,6 Millionen Mitglieder mit Kapital versorgen, von denen sage und schreibe 97 Prozent Frauen sind. Im Jahr 2013 sollen weltweit 211 Millionen Menschen solche Mikrokredite in Anspruch genommen haben, wobei unter WissenschaftlerInnen umstritten ist, wie groß die Wirkung der Mikrokredite tatsächlich ist, fasst Stephanie Wykstra für Vox zusammen. 

Was auf lokaler Ebene funktionierte, funktioniert aber auch regional oder global im digitalen Zeitalter. Der Unterschied ist mitunter aber die Größenordnung. Seit 2006, dem Jahr, in dem Yunus der Nobelpreis zugesprochen wurde, ermöglicht die in San Francisco ansässige NGO Kiva Online-Darlehen. Laut Unternehmenszahlen wurden inzwischen in 77 Ländern 3,6 Millionen Kreditnehmenden von 1,9 Millionen Kreditgebenden knapp 1,5 Milliarden Dollar zur Verfügung gestellt. Und die Ausfallquoten sind ebenfall sehr gering, werden doch 95,8 Prozent der Darlehen vollständig zurückgezahlt. Teilweise betragen die Darlehen nur 25 US-Dollar, die dennoch zur Emanzipation der Darlehensnehmenden beitragen können.

Online erweitert den Radius

Und was für natürliche Personen gilt, macht auch vor juristischen Personen nicht halt. Unternehmensanleihen existierten seit ewigen Zeiten und nun kam noch der digitale Prozess dazu. Bereits ein Jahr vor Kiva reichte in Großbritannien die Plattform Zopa die ersten Peer-to-Peer-Kredite zu im Voraus festgelegten Zinsen aus, wobei allerdings keine Sicherheiten hinterlegt wurden. In Deutschland bildeten sich früh die Plattformen auxmoney und smava heraus, die ab 2013 Konkurrenz bekamen von Lendico (von ING-DiBa übernommen), Zencap (von Funding Circle übernommen) und Kapilendo. Auch Innovestment, dass zunächst nach seiner Gründung 2011 auf Crowdinvesting fokussierte, konzentriert sich mittlerweile auf Crowdlending. (Wie Kreditplattformen die Folgen der Corona-Krise für mittelständische Unternehmen abmildern können, lesen Sie hier.)

In Europa erlebte Crowdlending seit 2013 einen regelrechten Boom, wie aus einer Marktstudie der Cambridge University hervorgeht. Demnach hat sich das Finanzierungsvolumen europäischer Crowdlending-Plattformen zwischen 2013 und 2018 von anfänglich rund 1 Milliarde Euro auf über 14 Milliarden US-Dollar mehr als verzehnfacht. Der Großteil des Wachstums ging dabei auf das Konto des Peer-to-Peer-Lendings, bei dem sich Privatpersonen gegenseitig Geld leihen. Wenn man das Peer-to-Peer-Lending herausnimmt und sich nur auf Crowdlending an Unternehmen konzentriert, erkennt man, dass auch dieser Markt in den letzten Jahren stark gewachsen ist. 

Der europäische Markt (ohne Großbritannien) wuchs zwischen 2013 und 2018 von rund 150 Millionen US-Dollar auf knapp 2,1 Milliarden US-Dollar. Allein von 2017 auf 2018 wuchs dieser Markt um 140 Prozent. Auf Deutschland entfielen 2018 immerhin knapp 880 Millionen US-Dollar, die über Crowdlending-Plattformen an Unternehmen verliehen wurden. Nach Großbritannien und den Benelux-Staaten ist Deutschland damit der drittgrößte europäische Markt in diesem Segment. (Mehr zum Aufschwung digitaler Kreditplattformen lesen Sie hier.)

Crowdlending erwies sich auch für die Finanzierung von Immobilien als geeignet, nachdem 2013 der umtriebige Digital-Pionier Jan-Henric Buettner zu einem festen Zinssatz von vier Prozent 7,5 Millionen Euro für sein Hotel-Resort Schloss Weissenhaus am Ostholsteiner Strand einwerben konnte. Plattformen beschäftigten sich daraufhin exklusiv mit dem Thema und auch Unternehmen abseits der klassischen Finanzwirtschaft entdecken Crowdlending als probates Instrument der Finanzierung. So setzte etwa der weltweit tätige Hamburger Immobilienvermittler Engel & Völkers, der durchaus auch Mobilien – nämlich hochwertige Yachten und Flugzeuge – im Portfolio hat, kurzerhand eine eigene Plattform auf, um Anlegern digitale Investments in der Immobilienbranche quer durch die Republik zu ermöglichen.

Der Berliner Fussballverein Hertha BSC nutzte Crowdlending, um sich mithilfe seiner Fans zu finanzieren.

Geografische und emotionale Nähe funktioniert auch im größeren Rahmen

Die Grameen Bank hat gezeigt, dass gegenseitiges Vertrauen die Basis eines Kredits ist. Menschen vertrauen aber nicht nur Nachbarn und Nachbarinnen, sondern auch Unternehmen und Vereinen, mit denen sie aufgewachsen sind. Was das Thema Crowdlending dann bundesweit in die Schlagzeilen brachte, war König Fußball: 2016 verschaffte sich der Bundesligist Hertha BSC binnen neun Minuten und 23 Sekunden über die Plattform Kapilendo eine Finanzspritze seitens seiner Fans in Höhe von einer Million Euro. Eine Verzinsung von 4,5 Prozent über drei Jahre sprach die Lokalpatrioten an. Im Jahr darauf wiederholte der Hauptstadt-Club die Aktion und unterbot den eigenen Rekord um elf Sekunden, denn dieses Mal steuerten allein Vereinsmitglieder eine Million Euro in neun Minuten und zwölf Sekunden bei, kurz darauf konnten sich auch Nicht-Mitglieder noch an einer Runde über 500.000 Euro beteiligen.

Auf bisher kleinem, aber stark wachsendem Niveau

Einer Untersuchung von Deloitte zufolge setzen vor allem technikaffine, junge Manager und Managerinnen auf Crowdlending, um sich zu finanzieren. Aber offenbar sind sie noch eine Minderheit, denn „von dem in Deutschland 2017 insgesamt an KMUs [kleine und mittelständische Unternehmen, Anm.d.Red.] vergebenen Kreditvolumen – über 130 Mrd. Euro – machten Kredite über die Crowd weniger als 1 Prozent aus.” Ein Jahr später, 2018, hatte die Bekanntheit von Crowdlending Deloitte zufolge weiterhin zugenommen. Die relative Zurückhaltung der Mittelständler gegenüber Crowdlending, so ergab die Studie, war dem Umstand geschuldet, dass diesen Unternehmen nach wie vor die persönliche Betreuung durch die Hausbanken und damit gewachsene Beziehungen zu wichtig waren. 

Allerdings ergab die Studie auch, dass für manche Unternehmen Crowdlending sehr wohl eine attraktive Alternative darstellt. Dieser Trend wird auch in Zukunft anhalten, zumal die Industrie digitaler Plattformen sich auch auf EU-Ebene dafür stark macht, eine europaweit einheitliche Regulierung zu erreichen. Das dürfte der Branche nochmals einen weiteren Wachstumsschub geben und es für Unternehmen einfacher machen, auch größere Kapitalsummen über das Internet einzuwerben.

 

Was passiert, wenn Crowdfunding und der Börsengang gedanklich verschmolzen werden, erfahren Sie im nächsten Teil dieser Reihe über alternative digitale Finanzierung. Sie werden staunen, welche Unternehmungen sich auf diese Weise alles finanzieren lassen. Wenn Sie vier Milliarden Dollar übrig haben, winkt z.B. eine ganze Stadt am Atlantik. 

Sollten Sie die ersten beiden Teile unsere Serie über Alternative Finanzierungen verpasst haben, so finden Sie hier Teil 1 und Teil 2.

Hat Ihnen der Artikel gefallen?

Dann interessiert Sie vielleicht auch der zweite Teil unserer Serie „Alternative Finanzierungsformen - Wie Unternehmen sich heute übers Internet finanzieren“.

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bhp