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Alternative Finanzierungsformen – Wie Unternehmen sich heute übers Internet finanzieren – Teil 4
Serie

09.12.2020
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Mit der zunehmenden Etablierung der Blockchain-Technologie kommen neue digitale Finanzierungsformen auf den Markt. Der klassische Börsengang bekommt durch Initial Coin Offerings auf einmal Konkurrenz. Die allerdings nicht lange währt, sondern schon bald durch das nächste Instrument abgelöst wird. So rasant wie hier haben die Märkte sich selten entwickelt. Ist das Security Token Offering gekommen, um zu bleiben? Im vierten Teil unserer Serie nehmen wir die Tokenisierung unter die Lupe. Sie möchten die vorangegangenen Teile noch einmal nachlesen? Dann folgen Sie unseren Links zum Thema Crowdfunding, Crowdinvesting und Crowdlending.

Tokenisierte Finanzierungen: Vom ICO zum STO

„Tokenisierung“ heißt das Zauberwort, das die jüngsten Entwicklungsstufen der alternativen Finanzierungsformen für Unternehmen ermöglicht: Initial Coin Offering (ICO) und Security Token Offering (STO) sind eine Art Mischform aus Crowdfunding und Börsengang. Daher auch ihr Name in Anlehnung an das Initial Public Offering (IPO) an der Börse.

Die Basis ist die Distributed-Ledger-Technologie (DLT), bekannteste ist die Blockchain, eine Art digitaler Datenbank, die dezentral auf vielen verschiedenen Rechnern gespeichert ist. Sie kann automatisiert und autonom Transaktionen in Echtzeit ausführen, validieren und speichern. Die einzelnen Einträge werden verwaltet, bestätigt und verschlüsselt, um die Sicherheit und Nachvollziehbarkeit zu gewährleisten. Dadurch ist die Blockchain durchgehend transparent und nicht manipulierbar. Durch die Blockchain lassen sich wesentliche Wirtschaftsprozesse schneller, effektiver und preisgünstiger abwickeln.

Der Einfluss der Blockchain auf alternative Finanzierungsformen ist nicht wirklich neu: Der erste ICO erfolgte bereits im Juli 2013 durch MasterCoin, wobei das Thema 2017/2018 wohl seinen Durchbruch erlebte.

AnlegerInnen erhalten für ihr Investment sogenannte Token, kleine, digitale Einheiten eines Wertes, eines Produkts oder einer Dienstleistung. Im Fall von ICOs sind dies Utility Token, eine Art digitaler Nutzungsrechte, die Anleger dann, wenn das Unternehmen floriert, für Produkte und Dienstleistungen dieses Unternehmens einsetzen können. Er berechtigt zu einem Zugang oder zur Inanspruchnahme eines Services, also quasi wie ein Gutschein. Oftmals werden jene Token, deren Wertsteigerung die Anleger erwarten, nur gegen andere Kryptowährungen gewährt. Das ist bei Security Token anders, aber lassen Sie uns zunächst den raschen Aufstieg der ICOs beschreiben, der auch jäh wieder endete. 

Von Bananen und Republiken

Im Grunde genommen lässt sich nahezu alles über einen ICO finanzieren, oftmals sind es weitere Cryptocurrencies, aber denkbar ist z. B. auch eine öko-freundliche Bananenplantage in Laos, die den BananaCoin ausgibt. Dieser BananaCoin sollte Token ausgeben, die auf dem Exportpreis von einem Kilo Bananen basieren, um Schwankungen in just jenem Kilopreis für die Farmer auszugleichen. Tatsächlich ging das Unternehmen nach hinten los, wenngleich das Whitepaper davon spricht, dass der BananaCoin umwandelbar sei in eine gewisse Menge Bananen oder monetäre Kompensation.

Dass man das Thema auch in einem größeren Maßstab denken kann, beweist der senegalesisch-amerikanische Chart-Topper Akon. Aliaume Damala Badara Akon Thiam, so sein voller Name, beabsichtigt, im Senegal eine ganze Stadt namens Akon City zu errichten, die auf erneuerbaren Energien und einer Krypto-Währung basiert, die – natürlich – “AKoin” heißt. Solche Versuche hat es bereits etwa in Puerto Rico gegeben, das Krypto-Enthusiasten, die mit ICOs und Blockchain zu viel Geld gekommen waren, aus steuerlichen Gründen auserkoren hatten, um dort nach dem verheerenden Hurricane Maria in der “Sol” getauften Stadt eine komplett neue Infrastruktur aus dem Boden zu stampfen. Akon hingegen hat konkrete Zusagen über vier Milliarden Dollar seitens Beteiligungsfirmen, die Akon City in der Nähe der küstennahen Stadt Mbodiène errichten wollen.

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Schwarze Schafe im grauen Kapitalmarkt

Laut einer Studie von PriceWaterhouseCoopers wurden in den ersten zehn Monaten des Jahres 2019 insgesamt 380 Token Offerings erfolgreich abgeschlossen. Dabei wurden 4,1 Milliarden US-Dollar eingesammelt, was ungefähr der Summe entspricht, die 2018 allein beim bis dato größten Token Sale von EOS, einer Blockchain-basierten Kryptowährung der Firma Block.One, zusammenkam. Für 2018 errechnete PriceWaterhouseCoopers eine durchschnittliche Investitionssumme von 25,5 Millionen US-Dollar pro ICO.

Doch nicht alles, was glänzt, ist Krypto-Gold, so dass vier Milliarden US-Dollar 2018 ebenfalls der Summe entsprachen, um die Betrüger Anleger brachten, die auf ICOs gesetzt hatten. Neben „Krypto Scams“ kamen auch die ersten Pleiten. Hierzulande machte in diesem Zusammenhang insbesondere Envion von sich reden. Das Unternehmen mit Sitz in der Schweiz zog über 30.000 AnlegerInnen an, die bis Ende 2017 rund 100 Millionen US-Dollar einzahlten. Doch Envion, das mittels mobilen Krypto-Mining-Containern 161 Prozent Rendite versprach, nahm seine Geschäftstätigkeit niemals auf. Die Verantwortlichen zerstritten sich noch in der Fundingphase und überschütteten sich anschließend mit Betrugsvorwürfen und Klagen und meldeten schließlich Insolvenz an. Die Gläubiger warten bis heute auf ihr Geld.

Regulierung macht Schluß mit Kryptoscams

Es verwundert nicht, dass der Ruf nach mehr Regulierung laut wurde, nicht nur aus Sicht der InvestorInnen und der Aufsichtsbehörden, sondern sogar aus dem Markt selbst. Das zeigte sich sehr deutlich beim 4. CrowdCamp des European Crowdfunding Networks (ECN), dessen Zusammenfassung Sie hier nachlesen können. Und genau hier ist beim Nachfolger des ICO nachgebessert worden. Für ein Security Token Offering (STO) ist ein Wertpapierprospekt erforderlich, der von der BaFin oder einer anderen Aufsicht gebilligt werden muss. Ausnahmen bilden Angebote nur an qualifizierte Investorinnen und Investoren.

Auch die Struktur eines Security Token unterscheidet sich von der eines Utility Token. Denn Security Token beziehen ihren Wert aus einem handelbaren, externen Vermögenswert. Investiert man bei einem Utility Token quasi in eine Idee, definieren Security Token klare Eigentumsansprüche äquivalent zu Aktien, Anleihen, Gewinnbeteiligungen oder Schuldscheine. Sie unterliegen dem Wertpapierhandels- bzw. Vermögensanlagengesetz und gelten also als digitale Wertpapiere.

Auch auf der 9. ECN Crowdfunding Convention rückte das Thema Regulierung von Krypto-Assets wieder in den Vordergrund. Am 24. September 2020 hat die Europäische Kommission  ein umfangreiches neues Gesetzespaket zu digitalen Finanzierungen verabschiedet, das die europäische Wirtschaft in den kommenden Jahrzehnten verändern wird. Der neue regulatorische Rahmen enthält auch einen umfassenden neuen Gesetzesvorschlag zu Krypto-Assets, genannt Markets in Crypto-Assets (MiCA), der entwickelt wurde, um die Regulierung der Distributed-Ledger-Technologie (DLT) und virtueller Assets in der Europäischen Union zu vereinheitlichen und gleichzeitig Nutzer und Investoren zu schützen.

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2019 läutet ein neues Zeitalter ein

Endlich ist es so weit: Im März erhält das Berliner Start-up Bitbond das Go von der BaFin und geht offiziell als erstes deutsches STO in die Geschichte ein. Die Nachfrage läuft zunächst gut: Die erste Million wird binnen zwölf Stunden eingesammelt. Doch bei Zeichnungsschluss im Juli 2020 sind letztlich „nur“ 2,1 Millionen zusammengekommen, das Fundingziel von 3,5 Millionen Euro wurde damit verfehlt. Auch die nächsten STOs laufen etwas schleppend. Ist der Markt doch noch nicht reif?Zum Glück erkennt die Crowdfunding-Branche rasch das Potenzial und sorgt für den gewünschten Umbruch. Kapilendo wirbt Ende 2019 für die Restaurantkette L’Osteria in nur 30 Tagen 2,3 Millionen Euro ein und darf sich für einige Zeit das bisher größte digitale Wertpapier in der Mittelstandsfinanzierung nennen.

Den Vogel schießt allerdings die Hamburger Neobank Tomorrow ab, die im Oktober ganze drei Millionen Euro einsammelt – in nur 300 Minuten. Ursprünglich sollten es nur zwei Millionen werden, doch aufgrund der hohen Nachfrage wurde das Angebot kurzerhand erhöht. Auch hier liegt ein digitales Wertpapier zugrunde, das über die Plattform Wiwin aufgelegt wurde. 

Der Schwarm kommt auf die Blockchain

Die Synergien zwischen klassischem Crowdinvesting und STO liegen auf der Hand, immerhin sind tokenisierte Assets generell den alternativen Finanzierungsformen zuzuordnen und entsprechen auch dem Ansatz der Schwarmfinanzierungen mit relativ niedrigen Einstiegssummen. Und so werden wir in Zukunft vermutlich häufiger solche Hybride beider Formen sehen. Bei digitalen Modellen spielt die Basis – bei den tokenisierten Anlagen die Blockchain – ohnehin eine geringe Rolle. Zudem eignet sich die Tokenisierung sehr gut für Sachwerte, wie man an der großen Anzahl an Immobilienprojekten in diesem Bereich erkennen kann. Ob der STO denn auch den klassischen IPO, also den konventionellen Börsengang ablösen kann, wird sich zeigen. Die Abbildung von AG-Anteilen beispielsweise ist bislang nicht möglich, wird aber sicherlich bald ebenfalls reguliert werden. Drei besonders gewichtige Vorteile hat die digitale Form des Wertpapiers auf jeden Fall:

1. Die Emission ist deutlich günstiger

Finoa und Cashlink haben in einer Studie einen Kostenvorteil von 35 bis 65 Prozent errechnet gegenüber einem klassischen IPO. BTC-Echo spricht daher auch von einem Warnschuss für die Old Economy.

2. Die Emission ist komplett automatisiert

Alle Eckdaten wie Dividendenzahlungen oder Berichtspflichten werden über Smart Contracts auf die Token programmiert. Das schließt menschliche Fehler aus und spart neben Zeit auch Geld für aufwändige Postversände.

3. Die Emission spricht neue Zielgruppen an

Gerade jüngere AnlegerInnen schätzen den Wegfall von unnötigen Intermediären und bevorzugen eine digitale Geldanlage. Themen wie Blockchain und Kryptoassets genießen bei Digital Natives eine ungleich höhere Akzeptanz. Beim Funding der Tomorrow Bank sieht man außerdem, welchen Einfluss die eigene Community hat.

Wir dürfen also gespannt sein, wie die Entwicklung sich künftig fortsetzt. Prof. Dr. Philipp Sandner vom Frankfurt School Blockchain Center (FSBC) kündigte bereits auf dem oben erwähnten ECN-CrowdCamp an: 

„Jede Aktie, jedes Wertpapier wird irgendwann mal ein Security Token sein.“

Sollten Sie die ersten drei Teile unsere Serie über Alternative Finanzierungen verpasst haben, so finden Sie hier Teil 1 (Crowdfunding), Teil 2 (Crowdinvesting) und Teil 3 (Crowdlending).

Hat Ihnen der Artikel gefallen?

Dann interessiert Sie vielleicht auch der dritte Teil unserer Serie „Alternative Finanzierungsformen - Wie Unternehmen sich heute übers Internet finanzieren“.

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bhp