Magazin

Alternative Finanzierungsformen – Wie Unternehmen sich heute übers Internet finanzieren – Teil 1
Serie

12.08.2020
Schreibtisch mit diversen Gegenständen wie Zeitung, Taschenrechner, Mobiltelefon, Laptop

Unternehmen haben seit der Verbreitung von Breitbandinternet die Möglichkeit, auch Pfade jenseits etablierter Finanzierungswege zu betreten. Das Internet war der große Gleichmacher, der Distanzen aufhob und dafür sorgte, dass auf einmal theoretisch die ganze Welt Zugang haben kann zu meinem Unternehmen. Mithilfe von Finanzinstrumenten, die Plattformen anboten, konnte plötzlich jedermann zur komplett digital abgewickelten Finanzierung beitragen. Da aber nicht jede Methode und jedes Finanzinstrument für jedes Unternehmen und jede Unternehmensphase geeignet ist, stellen wir Ihnen in dieser Übersicht alternative Finanzierungsformen in chronologischer Reihenfolge vor. 

Alternative Finanzierungsformen – Ein Überblick

In den nächsten Wochen stellen wir Ihnen moderne, digitale Finanzierungsalternativen vor. Obwohl die flächendeckende Digitalisierung etlichen alternativen Finanzierungsmodellen zum Durchbruch verhalf, lässt sich jedoch nicht leugnen, dass deren zugrundeliegenden Mechanismen teilweise schon seit Jahrhunderten in Gebrauch sind. Das gilt auch für das Phänomen des Crowdfunding. 

Crowdfunding

Die Evolution im Bereich alternativer Finanzierungsformen beginnt mit dem Crowdfunding. Hierbei gilt es, zunächst vier Spielarten zu unterscheiden, nämlich:

  • gegenleistungsbasiertes Crowdfunding (Reward-based Crowdfunding)
  • spendenbasiertes Crowdfunding (Donation-based Crowdfunding)
  • eigenkapitalbasiertes Crowdfunding (Equity-based Crowdfunding oder Crowdinvesting)
  • kreditbasiertes Crowdfunding (Lending-based Crowdfunding oder Crowdlending)

In diesem Auftaktartikel unserer Serie widmen wir uns zunächst dem Donation-based und Reward-based Crowdfunding, den beiden ältesten Varianten.

Donation-based Crowdfunding ist vermutlich die ältere Form. Dass Menschen ihre Ersparnisse bündeln, um einen gemeinsamen Zweck zu finanzieren, ist keine Erscheinung der Neuzeit. Jedes Gemeinwesen ist im Grunde eine Schwarmfinanzierung (mittels Steuern) und jede Wohnungsbaugenossenschaft finanziert so Eigentum. 

Eines der ersten wirklich spektakulären Beispiele der Schwarmfinanzierung ereignete sich im Jahre 1885 im quasi-sozialistischer Umtriebe unverdächtigen New York. Frankreich hatte den Amerikanern freundlicherweise die von Frederic Auguste Bartholdi entworfene Freiheitsstatue geschenkt, die in Einzelteilen zerlegt in Übersee eintraf. Ihr fehlte jedoch ein Sockel, der ca. 250.000 US-Dollar kosten sollte (was 2013 knapp 6,2 Millionen US-Dollar entsprach). Bundesmittel wurden nicht gewährt und private Initiativen erreichten diesen Umfang nicht. 

Die Freiheitsstatue in New York City

Als sämtliche anderen Finanzierungsformen scheiterten, schaltete der Verleger Joseph Pulitzer eine Kampagne in seiner Zeitung The New York World. Er appellierte dabei an den Bürgersinn des kleinen Mannes, denn finanziert wurde die Statue selbst von Frankreichs Steuerzahler, weswegen Amerikas Pendant diese Geste erwidern sollte und nicht etwa amerikanische Tycoons. Binnen fünf Monaten spendeten unwahrscheinliche 160.000 BürgerInnen aus jeglichen beruflichen und gesellschaftlichen Schichten, darunter sogar Kinder, genau $101,091, in der Regel weniger als einen Dollar pro Kopf. (Die Vereinigten Staaten hatten damals eine Bevölkerung von 50.189.209, New York hatte 1.206.299 Einwohner.) Die Kampagne war ein voller Erfolg, Lady Liberty verkörpert seitdem Amerikas Verheißung und es erwies sich erstmals, dass Medien eine entscheidende Rolle dabei spielen können, alternative Mittel zu allokieren. 

Im Bereich der Kunst machten sich zuvor schon Literaten und Komponisten das Prinzip der Schwarmfinanzierung zunutze, um sich nämlich ihre Werke vorfinanzieren zu lassen. Auf diese Weise war es Alexander Pope möglich, 1713 Homers “Ilias” ins Englische zu übersetzen. Und nachdem Wolfgang Amadeus Mozart noch im Vorjahr daran gescheitert war, drei Konzerte vorzufinanzieren, glückte sein Unterfangen 1784. Über die bloße Teilnahme am Konzert selbst wurden sämtliche 176 Klein-Mäzene zum Dank im Konzert-Manuskript namentlich erwähnt, ähnlich wie bei Pope. Man hätte es nicht so ausgedrückt damals, aber hierbei handelte es sich um Reward-based Crowdfunding.

Knapp 200 Jahre später ereigneten sich zwei Dinge, die man getrost als Quantensprünge bezeichnen kann. 

1996 ließ sich die britische Rockband Marillion ihre US-Tour durch ein Crowdfunding finanzieren – und zwar sammelten die Künstler das Geld online bei den Fans ein in einem Zeitalter, als das Internet noch nicht stark verbreitet war. 

Neun Jahre später wiederum ging mit ArtistShare die erste Crowdfunding-Plattform in den USA live, über die sich Künstlerinnen und Künstler finanzieren lassen konnten. Im Jahr darauf folgte Sellaband in Deutschland. Richtig Fahrt nahm Crowdfunding mit der Gründung der Plattformen Indiegogo (2008, San Franciso) und Kickstarter (2009, Brooklyn, New York) auf. Nun konnten Familie, Freunde und natürlich auch Fans nicht nur KünstlerInnen, sondern auch ErfinderInnen und TüftlerInnen direkt finanziell unterstützen, sei es bei der Vorfinanzierung eines Albums, einer interaktiven Kühlbox oder eines Videospiels. Die Initiatoren der Projekte richteten für bestimmte Funding-Beiträge exklusive Belohnungen und Give-Aways ein, etwa das Album, das aufgenommen werden sollte oder ab einer bestimmten Höhe ein Skype-Call mit dem Künstler oder gar ein Abendessen. 

Musik Fans beim Konzert

Was Kickstarter und dem Thema Crowdfunding medial zum Durchbruch verhalf, war Amanda Palmer, im allerweitesten Sinne der Mozart ihrer Zeit. Die amerikanische Sängerin ließ ihr Album «Theatre Is Evil» über die Plattform finanzieren und die eine Million US-Dollar, die erstmals für ein crowd-finanziertes Projekt zusammenkamen, erzeugten ein gewaltiges Medien-Echo.

Bis dato haben allein auf Kickstarter.com 18 Millionen Menschen 184.982 Projekte mit mehr als 5,1 Milliarden US-Dollar unterstützt. Das Prinzip fand schnell Nachahmer wie etwa Startnext in Deutschland seit 2010, die teils andere Akzente setzten. Von Anfang an galt das Alles-oder-nichts-Prinzip: Erst ab dem Erreichen einer bestimmten Mindestfinanierungshöhe fließt auch tatsächlich Geld an die Initiatoren. Wird das Funding-Ziel nicht erreicht, erhalten die Fans ihr Geld zurück. Crowdfunding fungiert dabei als recht verlässliches Stimmungsbarometer, so dass auch etablierte Unternehmen wie etwa die Süddeutsche Zeitung darauf zurückgriff, um den Markt hinsichtlich der Akzeptanz neuer Produkte zu analysieren. Und nicht nur potentielle Investoren können sehen, ob ein Produkt gut ankommt, auch Kreditinstitute. Auf diesen Effekt setzt etwa die Investitionsbank Berlin (IBB), die mit ihrem Programm IBB MikroCrowd zinsgünstige Mikrokredite an KMU vergeben, die aus einem von der Europäischen Union kofinanzierten KMU-Fonds stammen. Grundvoraussetzung ist eine erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne über die Plattform Startnext. 

Ein Produkt, das sehr gut ankam, war das äußerst beliebte Videospiel Star Citizen, dessen Fortsetzung auf Kickstarter 2013 zunächst stolze 2.134.374 US-Dollar locker machte – was sich aber winzig ausnimmt angesichts der bis dato 300 Millionen US-Dollar, die über zwei Millionen Spieler dem Publisher des Spiels, Cloud Imperium, in einem in Eigenregie durchgeführten Crowdfunding zuführten.

Und dann war da noch Oculus Rift.

Was es mit dieser Datenbrille auf sich hat und welche weitere alternative digitale Finanzierungsform sie maßgeblich lostrat, lesen Sie im nächsten Teil dieser wöchentlichen Reihe.

Sollten Sie die anderen Teile unsere Serie über Alternative Finanzierungen verpasst haben, so finden Sie hier Teil 2 und Teil 3.

Hat Ihnen der Artikel gefallen?

Dann interessiert Sie vielleicht auch der zweite Teil unserer Serie „Alternative Finanzierungsformen - Wie Unternehmen sich heute übers Internet finanzieren“. 

Zum Artikel

 

oder

bhp