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Alternative Finanzierungsformen – Wie Unternehmen sich heute übers Internet finanzieren – Teil 2
Serie

02.09.2020
Blick auf Schreibtisch mit diversen Gegenständen wie Zeitung, Taschenrechner, Mobiltelefon, Laptop

Das Internet ermöglicht es Unternehmen, neue Finanzungsformen abseits der klassischen Bankenfinanzierung zu nutzen. Die Bandbreite an alternativen Finanzierungsformen ist dabei groß und kann auf so manchen unübersichtlich wirken. In unserer aktuellen Reihe wollen wir Ihnen diese Finanzierungsformen vorstellen. Dies ist der zweite Teil unserer aktuellen Reihe, in dem es um Crowdinvesting als alternative Finanzierungsform geht. Wenn Sie den ersten Teil verpasst haben, in dem wir einen Blick auf klassisches Crowdfunding werfen, finden Sie ihn hier

Crowdinvesting

Den Leuten dämmerte alsbald, dass Crowdfunding eventuell auch ein probates Mittel sein könnte, um junge Unternehmen anzuschieben. Oculus Rift nämlich war eine Virtual-Reality-Datenbrille, die im August 2012 auf Kickstarter von 9.522 Fans mit stolzen 2,4 Millionen US-Dollar finanziert wurde. Was zu diesem Zeitpunkt noch niemand ahnen konnte, war, dass Facebook die Firma keine zwei Jahre später für unglaubliche zwei Milliarden Dollar übernehmen würde. Allerdings wurden die nun etwas gereizten Unterstützer von Oculus Rift nicht an dem Verkauf beteiligt, das sah das Modell gar nicht vor. 

Spätestens jetzt war aber klar, dass Crowdfunding geeignet ist, um Renditen zu erzielen und auch Firmen zu finanzieren, die Exit-fähig sind, also Folgefinanzierungen erhalten bis hin zum Börsengang oder Unternehmensverkauf. Investoren beteiligen sich auf Basis einer durchgeführten Unternehmensbewertung und erhalten proportional zu ihrem Investment Anteil am Exiterlös. Der Charme dieser alternativen Finanzierungsform liegt darin, dass die Investorinnen und Investoren den Erfolg ihres Investments durchaus ein wenig selbst in der Hand haben, wenn sie als Multiplikatoren und Markenbotschafter das Unternehmen und sein Produkt über ihre Netzwerke bekanntmachen. Im Unterschied zu börsennotierten Unternehmen haben Crowd-finanzierte Unternehmen den Großteil ihres Wachstums auch noch vor sich, wie man sehr eindrücklich am Beispiel von Oculus Rift sehen konnte.

Bereits ab 2011 waren außerhalb der USA Plattformen entstanden, die es ermöglichten, via Crowdfunding in Jungunternehmen zu investieren. Das war auch nötig, da Crowdinvesting zwei Probleme auf einmal lösen könnte:

  1. Junge, insbesondere innovative Unternehmen kommen schwer an Geld, weil sie oft noch keine nennenswerten Umsätze machen und in Märkten operieren, die klassische Investorinnen und Investoren schwer einschätzen können. Man spricht von der Frühphasenfinanzierungslücke.
     
  2. Privatanleger auf der anderen Seite, die nicht zufällig Business Angels sind, hatten vorbörslich gar keinen Zugang zu derlei innovativen Unternehmen. Vorbörslich hingegen erfolgt das größte Wachstum. Und nach der Weltfinanzkrise waren Alternativen für die Vermögensbildung rar gesät.

Ausnahmsweise waren Europa und Deutschland Vorreiter in dem Bereich, der auch Crowdinvesting genannt wurde. Hierbei schultern also oft Hunderte oder gar Tausende Investoren eine Finanzierung und minimieren somit das Risiko des Einzelnen, wobei die Schwarmintelligenz der Crowd schon ein guter Indikator für die Marktchancen des jeweiligen Unternehmens ist, zumindest im B2C-Bereich. Ein gutes Beispiel dafür ist die E-Mobility-Startup Plugsurfing, eine App, mit der Elektroautobesitzer Ladesäulen finden und auch gleich bezahlen konnten. Bei Innovestment erhielt Plugsurfing 2012 die erste Finanzierung überhaupt – und hier bewies die Crowd, dass sie vielleicht sogar vor großen Investoren die Trends der Zukunft erkennt und innovative Konzepte belohnt, weswegen sie sich 2018 auch über einen Exit freuen konnte. Die vergleichsweise niedrigen Unternehmensbewertungen in den ersten Runden sorgen beim Crowdinvesting für ein um ein Vielfaches höheres Upside-Potential für Investorinnen und Investoren, aber bei gleichzeitig hohem Risiko.

Die Crowdinvesting-Plattformen der ersten Stunde waren in Deutschland die Pioniere Seedmatch und Innovestment, denen dann etwa Companisto und Bergfürst folgten. Sämtliche Plattformen entwickelten unterschiedliche Beteiligungsmodelle und auch Schwerpunkte. Im Laufe der Jahre diversifizierten sich folgende Finanzinstrumente heraus:

  • eigenkapitalbasiertes Crowdinvesting (Genussscheine, Aktien)
  • fremdkapitalbasiertes Crowdinvesting (besicherte Darlehen, Kredite)
  • Mischformen (Mezzanine-Kapital, Stille Beteiligungen, unbesicherte Darlehen, partiarische Darlehen)
Crowd hält Hände hoch- beim Crowdinvesting können Unternehmen die Verbindung zu ihrer Community stärken.

Regulatorisches...

Waren erste Crowdfinanzierungen zunächst auf 100.000 Euro begrenzt, wurde der Funding-Rahmen schnell dank neuer Instrumente ausgeweitet. Allerdings hinkte die Gesetzgebung der digital durchgeführten Finanzierung hinterher, so dass am 03.07.2015 das Kleinanlegerschutzgesetz (KASG) in Kraft trat, das diesen Entwicklungen Rechnung trug und den Anleger vor Risiken schützen sollte, nicht nur mit Hinblick auf Skaleneffekte, sondern auch auf Kosten für Forschung und Entwicklung. Ab einem Funding-Volumen oberhalb von 2,5 Millionen Euro galt nun etwa die Prospektpflicht und derlei Projekte oblagen nun der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin). Die Crowdfunding-Industrie hatte sich im Gesetzgebungsprozess engagiert.

... und was es bewirkt

Die erhebliche Ausweitung des Funding-Rahmens erlaubte denn auch die Finanzierung von High-Tech, also Hardware, bei der andere Gesetzmäßigkeiten gelten als etwa bei Algorithmen. Aufsehenerregende Crowdinvestments in Deutschland waren z.B. Protonet, ein hochgradig verschlüsselter Mini-Server für zuhause, in den die Crowd knapp drei Millionen Euro investierte, was die Insolvenz aber leider nicht verhinderte. Panono sammelte 1,6 Millionen Euro für eine Panorama-Kamera, die 360°-Aufnahmen lieferte. Bereits 2013 hob E-Volos elektrisch betriebener Volocopter auch aufgrund der spending power seiner Investoren ab, um in nicht allzu ferner Zukunft in den Metropolen dieser Welt als Lufttaxi zu fungieren. In klassische B2C-Produkte aus der Gastronomie investierten die Anleger aber genauso gerne. 

Was im Jahr 2011 recht bescheiden mit der Vermittlung von 1,5 Millionen Euro begann, die Privatpersonen Startups zur Verfügung stellten, entwickelte sich in der Folge schnell zu einem Markt, auf dem inzwischen auch KMU und Immobilienprojekte finanziert werden oder eben explizit Impact Investing angeboten wird. 2019 umfasste das Investitionsvolumen laut Daten von Crowdfunding.de deutschlandweit bereits 422 Millionen Euro, ein Großteil davon entfiel auf Immobilien. 

Im nächsten Teil dieser Reihe stellen wir Ihnen die nächste Entwicklungsstufe der alternativen digitalen Finanzierung vor. Aber auch sie beginnt mit einem analogen Vorläufer, der einem Wirtschaftswissenschaftler 2006 sogar den Friedensnobelpreis einbrachte.

Sollten Sie die anderen Teile unsere Serie über Alternative Finanzierungen verpasst haben, so finden Sie hier Teil 1 und Teil 3.

Hat Ihnen der Artikel gefallen?

Dann interessiert Sie vielleicht auch der erste Teil unserer Serie „Alternative Finanzierungsformen - Wie Unternehmen sich heute übers Internet finanzieren“.

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bhp