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Crowdfunding nimmt wichtige Hürde bei der EU-Harmonisierung
Aus der Branche

13.01.2020
Landkarte verbunden mit Fäden

Kurz vor Jahreswechsel haben sich die EU-Kommission, das EU-Parlament und der Europarat auf EU-weit einheitliche Regeln im Crowdfunding geeinigt. Das European Crowdfunding Network (ECN), deren Gründungsmitglied innovestment ist, hatte jahrelang darauf hingewirkt und den Institutionen zugearbeitet. Welche konkreten Änderungen nach der Verabschiedung durch EU-Parlament und Europarat in Kraft treten und wie der ECN die Änderungen einschätzt, lesen Sie hier.

Grünes Licht aus Brüssel und Straßburg

Die EU-Mitgliedstaaten, die EU-Kommission sowie das Europaparlament haben sich Ende Dezember 2019 auf einheitliche Regeln im europäischen Crowdfunding geeinigt. Als Gründungsmitglied des European Crowdfunding Network (ECN) begrüßen wir diese Entscheidung ausdrücklich, denn darauf haben wir in den letzten sieben Jahren intensiv hingearbeitet. Die englische Stellungnahme des ECN können Sie an dieser Stelle nachlesen. 

Im Rahmen der europäischen Kapitalmarktunion, die die Entwicklung eines einheitlichen Kapitalmarktes in der EU verfolgt, soll das grenzüberschreitende Finanzieren über Plattformen vereinfacht und Hürden abgebaut werden. Zukünftig können so europaweit Anlegerinnen und Anleger gewonnen werden. Das ist übrigens auch einer der Gründe, warum wir uns entschieden haben, unsere Website von der innovestment.de Domain auf innovestment.eu umzuziehen. 

Zum Hintergrund

Crowdfunding erfreut sich zwar EU-weit großer Beliebtheit, jedoch erschwerte die unterschiedliche Gesetzeslage in den Mitgliedstaaten bis dato grenzüberschreitende Investitionen. Dass diese Uneinheitlichkeit konkrete Folgen hatte, einerseits im Hinblick auf die Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit der Europäischen Union und andererseits weil Anlegerinnen und Anleger Zugang zu vielversprechenden Unternehmen erschwert wurden, dämmerte der Politik schon vor einiger Zeit. Und dass die Schwarmfinanzierung in der EU ins Hintertreffen geriet, lässt sich auch quantifizieren, denn wie die EU-Kommission bereits im März 2018 ermittelte, “kamen 2016 in Asien auf diese Weise 200Mrd.€ zusammen, in Nord- und Südamerika 35Mrd.€ und in Europa nur 8Mrd.€”, so die Neue Zürcher Zeitung

So befand etwa EU-Finanzkommissar Valdis Dombrovskis, Crowdfunding sei „eine wichtige alternative Finanzierungsquelle für zahlreiche innovative europä­ische Unternehmer und Start-ups, die auf den üblichen Wegen schwer an Finanzierungen kommen.“ Dombrovskis, seines Zeichens exekutiver Vizepräsident der EU-Kommission, verantwortet die Kapitalmarktunion.

Passporting für Crowdfunding-Plattformen

Anstatt für jedes Land innerhalb der EU, in dem eine Plattform auftreten wollte, Angebote entsprechend der jeweiligen Rechtslage zu formulieren, sollen die Plattformen zukünftig EU-weit einheitlich auftreten können. In gewisser Hinsicht verhält es sich mit Crowdfunding-Plattformen somit wie mit Finanzinstituten, die aufgrund des Prinzips des sogenannten “EU-Passporting” europaweit Filialen betreiben können, sofern sie in einem Mitgliedsland eine Banklizenz erworben haben. 

Dazu sollen die Plattformen zukünftig bei den nationalen Aufsichtsbehörden im Land des jeweiligen Geschäftssitzes eine Zulassung als europäischer Crowdfunding-Dienstleister beantragen können, um grenzüberschreitende Geschäfte betreiben zu können. “Letzteres würde über ein Benachrichtigungsverfahren ermöglicht. Die nationalen Zulassungs- und Aufsichtsregeln sollen dazu EU-weit vereinheitlicht werden. Die Kontrolle bleibt bei den Behörden der Mitgliedstaaten, während die Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde (Esma) die Zusammenarbeit zwischen den Ländern erleichtern und koordinieren soll”, führt die NZZ aus.

Konkrete Änderungen

Die Einigung sieht konkret folgende Anpassungen vor, im Detail finden Sie sie auf der Seite des EU-Parlaments (auf Englisch/in Englisch):

  • Fortan gibt es eine EU-weit einheitliche Regelung für sämtliche Crowdfunding-Plattformen bis zu einer Funding-Schwelle von 6.000.000 Euro

  • Investoren sollen durch strenge Regeln vor finanziellen Verlusten geschützt werden

  • Die jeweiligen EU-Mitgliedstaaten sind für die Autorisierung und Überwachung der Crowdfunding-Plattformen zuständig

Oliver Gajda, Direktor des European Crowdfunding Network (ECN)

Oliver Gajda, Direktor des European Crowdfunding Network, begrüßt die Einigung: “Nach vielen Jahren intensiver Arbeit und Wissensaustausch freuen wir uns sehr, dass eine Vereinbarung über einen praktikablen Rahmen gefunden wurde. Er ermöglicht es sowohl kleinen als auch großen Plattformen, ihre Dienstleistungen über die Grenzen hinweg zu erweitern. Der Weg war zeitweise schwierig, aber wir sind immer auf eine sachkundige und begeisterte Reaktion der Europäischen Kommission sowie des Europäischen Parlaments und des Rates gestoßen.”

Christin Friedrich, Geschäftsführerin der Innovestment GmbH

Die Vorstandsvorsitzende des ECN, Christin Friedrich, fügt hinzu: “Die Entscheidung bedeutet eine wichtige Stärkung des europäischen Wirtschaftsraums und seiner Innovationskraft. Dass die Mitgliedstaaten bei der Entscheidungsfindung weitgehend auf nationale Interessen verzichten konnten, ist ein starkes Zeichen zugunsten eines europäischen Marktes mit mehr Freiheit und Spielraum für Unternehmen und AnlegerInnen.”

Das letzte Wort in dieser Angelegenheit ist allerdings noch nicht gesprochen, müssen doch sowohl das EU-Parlament als auch der Europarat diese Einigung noch annehmen. Erfahrungsgemäß kann noch einige Zeit ins Land gehen, bis das Gesetz verabschiedet wird. In Kraft treten wird es vermutlich nicht vor 2021.

Über ECN

Die Non-Profit-Organisation European Crowdfunding Network (ECN) mit Sitz in Brüssel engagiert sich gemeinsam mit europäischen Plattformbetreibern für mehr Transparenz, gemeinsame Standards und ein grundsätzliches Verständnis für die Rolle des Crowdfundings als alternative Finanzierungsform und die Potentiale für die europäische Wirtschaft und Gesellschaft.

Darüber hinaus forciert das ECN die Europäische Harmonisierung des Crowdfunding Marktes mit dem European Crowdfunding Service Provider Regime (ECSP) als rechtlichen Rahmen. Im europaweiten Ausbau sehen alle Beteiligten sowie die Europäischen Institutionen großes Potenzial für die gesamte Branche. Dabei genießt die Organisation die Unterstützung durch die Europäische Kommission, die sie als Schlüsselbranche für die Verbesserung des Kapitalzugangs für KMU fördert.

Christin Friedrich ist Vorstandsvorsitzende des ECN. Innovestment beachtet als Mitglied des European Crowdfunding Networks (ECN) die Verhaltenskodizes des ECN. Der jeweils geltende Verhaltungskodex kann hier in englischer Sprache abgerufen werden.

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bhp