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Wie die Europäische Crowdfunding-Regulierung den Finanzmarkt in ein neues Zeitalter führt
Aus der Branche

17.12.2020
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Die europäische Crowdfunding-Industrie erhält einen europaweiten einheitlichen Regulierungsrahmen. Das ist ein großer Erfolg für die europäischen Plattformbetreiber, die sich in den vergangenen acht Jahren über unseren gemeinsamen Verband, das European Crowdfunding Network (ECN), bei den europäischen Institutionen für einheitliche Standards eingesetzt haben.

Die jüngst beschlossene Regulierung „European Crowdfunding Service Provider” (ECSP) hat Implikationen auf alle Beteiligten – seien es die Plattformen, die diese Regulierung umsetzen wollen, unsere KundInnen - die AnlegerInnen und Unternehmen – sowie Partner bzw. Dienstleister. In den kommenden zwölf Monaten werden die Karten im Markt komplett neu gemischt. Welche Vorteile haben Sie als InvestorIn oder als Unternehmen davon? Und welche Herausforderungen kommen auf die Plattformen zu? Da wir selbst in der vergangenen Dekade live dabei waren und uns weiterhin für die europäische Crowdfunding Industrie im Ganzen einsetzen möchten, teilen wir unsere Erfahrungen und Perspektiven zu ECSP, dessen Bedeutung und Implikationen im folgenden Artikel. 

Unser Update über die neuesten Entwicklungen finden Sie in diesem Beitrag!

Montag, 5. Oktober 2020, Europa. Ein ereignisreicher Tag für die europäische Crowdfunding-Industrie. Gedanklich noch mit der Planung der Woche beschäftigt, trudeln am Morgen die ersten Whatsapp-Nachrichten zu den Big News ein. Voilà: Auf LinkedIn verkünden die britischen Plattformen Seedrs and Crowdcube, dass sie eine Fusion planen. Ein Ruck geht durch den Markt. Denn die Wettbewerber gehören nicht nur zu den größten europäischen Plattformen, sondern demonstrieren mit ihrem „Eheversprechen”, dass sie alle früheren Rivalitäten über Bord werfen und lieber gemeinsame Sache machen:

Finanzen einfacher und zugänglicher machen, damit mehr (Privat)Kapital in Unternehmen investiert wird, die etwas in dieser Welt bewegen (wollen)

Crowdcube und Seedrs haben seit ihrem Launch 2011 bzw. 2012 über 2 Milliarden Euro an über 1.500 Start-ups vermittelt und damit bewiesen, welche Kraft diese nicht mehr ganz so neue Anlageklasse aufbringen kann. Dass die Zahlen im restlichen Europa ganz anders aussehen, hat nicht nur mit Anlagementalität, Risikobereitschaft und Abschreiberegelungen von Verlusten zu tun, sondern auch viel mit den jeweiligen nationalen Regulierungen.

Und genau aus diesem Grund ging ein Jubelschrei durch die europäische Crowdfunding-Landschaft, als das europäische Parlament gegen 19:00 Uhr am gleichen Tag die lang ersehnte Harmonisierung des Marktes beschloss. ECSP wird im Crowdinvesting und Crowdlending das grenzüberschreitende Crowdfunding in Europa ermöglichen. Einheitliche Standards schaffen Klarheit und Transparenz, sei es mit Blick auf Investorenschutz, Dokumentationspflichten o.ä.

Das ECSP soll zum 10. November 2021 in Kraft treten. Dafür wird es in den den kommenden Monaten in die Verwaltungspraxis der einzelnen europäischen Mitgliedstaaten überführt. In einer Art „Übergangsphase” können die Plattformen sich dann zwölf weitere Monate auf die neuen Regelungen einstellen.

Was ändert sich durch das ECSP?

Plattformen, die über die erforderliche ECSP-Lizenz verfügen, können dann grenzüberschreitende Finanzierungen innerhalb der EU anbieten. Dabei gibt es einige Ausnahmen: Weder kommen Vermögensanlagen noch Peer-to-Peer-Consumer-Lending zur Anwendung, noch sind donation-based und reward-based Crowdfunding-Formen in der Verordnung enthalten. Unser Bereich jedoch, das Crowdlending, ist ausdrücklich beinhaltet, und wir sind schon voller Vorfreude auf die neuen Möglichkeiten und im regen Austausch mit Plattform-KollegInnen in anderen europäischen Staaten.

Mit der Veröffentlichung der Verordnung sind nun auch die Rahmendaten bekannt gegeben worden. So liegt die maximale Finanzierungshöhe bei prospektfreien Emissionen unter ECSP bei 5 Millionen Euro pro Jahr und Projekt (zum Vergleich: In Deutschland sind derzeit 6 Millionen Euro möglich). An die Stelle eines Vermögensanlagen-Informationsblatts (VIB) rückt bei europäischen Projekten ein Key Investment Information Sheet (KIIS), das mit sechs Seiten doppelt so umfangreich ist wie sein deutsches Pendant und ebenfalls bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) hinterlegt wird.

Überraschend: Die Anlagehöhe der Investorinnen und Investoren ist nicht gedeckelt. In Deutschland ist sie bei privaten Anlegerinnen und Anlegern derzeit auf maximal 25.000 Euro beschränkt. Risikohinweise sind hier aber natürlich ebenso erforderlich.

Diese Entwicklung ist ein echter Meilenstein für unsere Branche, von dem sowohl Investierende als auch Finanzierende profitieren werden.

Einer, der seit den Anfängen dieser Entwicklung hautnah an allen Projektphasen beteiligt war, ist Oliver Gajda, Executive Director des ECN. Im Interview mit Crowdfundinsider berichtet er über seine achtjährige Reise und seine Einschätzung für die zukünftige Entwicklung der europäischen Harmonisierung (englischsprachiger Artikel). 

Sommerreisen durch Europa - sonnige Landschaft mit berühmten Wahrzeichen und grasbedecktem Hügel über blauem Himmel  © viewgene/shutterstock

Warum ist es so wichtig?

Globale Krisen wie die Covid-Pandemie oder der Klimawandel unterstreichen, wie wichtig es ist, dass wir Probleme global angehen müssen. Und Europa spielt dabei eine entscheidende Rolle mit seiner Innovationskraft und Talenten, die Unternehmen führen und aufbauen, die wichtige Lösungen entwickeln. Laut Aussage von Martin Spolz, Leiter der Abteilung für nachhaltige Finanzen in der Generaldirektion Finanzdienstleistungen der Europäischen Kommission beim 5. ECN Crowdcamp im Juni diesen Jahres werden in den kommenden Jahren 390 Milliarden Euro an privatem Investitionskapital benötigt, um die ambitionierten ESG-Kriterien der Europäischen Kommission umzusetzen.

Um das zu unterstützen, sieht die Europäische Kommission Crowdfunding-Plattformen als wichtige Intermediäre, um kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU) in ganz Europa einen besseren Zugang zu Kapital zu ermöglichen. Aus diesem Grund ist ECSP gerade für Länder, in denen es bisher keine Crowdfunding-Regulierung gab, ein wichtiger Schritt, um klare Standards zu bekommen, unter denen sie sicher operieren können.

Im Gegenzug gibt es aber auch Akteure, die Markteintrittsbarrieren gar nicht so unpraktisch finden, da es sie vor Wettbewerb aus dem Ausland schützt, wie einige gescheiterte Versuche internationaler Plattformen in Deutschland, einen Fuß in die Tür zu bekommen, demonstriert haben. Aber wir sind davon überzeugt, dass am Ende alle von einheitlichen, paneuropäischen Standards profitieren werden, weil sich neue Märkte öffnen und der Wirtschafts- und Innovationsstandort Europa so auch für Investierende und Finanzierende attraktiver wird. Anders gesagt: Der Kuchen wird größer, in jeglicher Hinsicht.

Wie geht es jetzt weiter?

Wir alle, die wir in diesem Dunstkreis operieren, fragen uns, was ECSP für einen Einfluss auf unsere Firmen, unseren nationalen Märkte sowie auf die gesamte paneuropäische Finanzierungslandschaft haben wird. Die Märkte werden neu gemischt, Finanzierungsinstrumente werden neu bewertet. Die europäische Harmonisierung – die übrigens aufgrund nationaler Interessen letztlich weniger harmonisch ausgefallen ist, als es sich die europäischen Institutionen gewünscht hätten –, bedeutet mehr als nur einen klareren gesetzlichen Rahmen für die Crowdinvesting- und Crowdlending-Plattformen. Sie stellt auch ein Commitment für die Wichtigkeit der Plattformen als Intermediäre dar, um mehr Kapital für Unternehmen verfügbar zu machen, und das mit dem Versprechen, dass es einfacher, ausgewählter und transparent vonstatten geht. Neben Privatpersonen sind in den vergangenen Jahren zunehmend professionelle und institutionelle Investoren auf den Zug aufgesprungen. Auch sie vertrauen mittlerweile den Auswahlkriterien der Plattformen und profitieren von den einfachen Prozessen, mit denen sich Transaktionskosten reduzieren lassen.

Alle EU-Flaggen vor dem Europäischen Parlament, Flaggen vor dem Europäischen Parlament, Straßburg ©Hadrian/Shutterstock

Was sind die nächsten Schritte?

In den kommenden Monaten werden wir im Rahmen der ECSP Arbeitsgruppe im ECN mit anderen Plattformbetreibern den Gesetzestext deuten und in Kommunikation mit den Policy Maker spezifizieren. 

Hier eine Auswahl der Themen, die es noch weiter zu betrachten gilt, welche wir Schritt für Schritt mit Leben füllen:

  • Voraussetzungen zur Erlangung einer ECSP Lizenz, z. B. Kapitalanforderungen an die Plattformen
  • Maßnahmen zum Investorenschutz, z. B. in Form eines Eingangstest
  • Risiken-Analyse von Projekten
  • 6-seitiges Key information Sheet statt das in Deutschland verwendete VIB
  • SPV’s
  • Marketingaktivitäten

Hier geht es zum ECSP in Deutsch und Englisch

Wir werden in den nächsten Monaten sehen, wie die nationalen Gesetzgeber die europäischen Vorgaben in nationales Recht übertragen. Spannend wird es auch zu sehen wie viele Plattformen sich für eine ECSP-Lizenz interessieren werden, denn es besteht weiterhin die Chance, unter bisher vorhandenen europäischen Regulierungen wie MiFID paneuropäisch zu operieren. Zudem wird es auch Plattformen geben, die weiterhin unter den nationalen Rahmenbedingungen vornehmlich lokal operieren werden. Wir können uns auf ein spannendes europäisches Crowdfunding-Jahr in 2021 freuen.

Gemeinsam mehr bewegen

Dass das ECSP nach nur drei Jahren Gesetzentwicklungsprozess nun auf den Weg gebracht wurde, ist ein Ausdruck der Wertschätzung, was diese nicht mehr ganz so junge Industrie bereits erreicht und vor allem noch vor sich hat. Zu verdanken ist das zahlreichen Pionieren der ersten Jahre, die sich in unbetretenes Terrain vorgewagt und schnell verstanden haben, dass im gemeinsamen Austausch die Kraft liegt. Gute Beispiele teilen, offener Dialog über Herausforderungen und smarte Lösungen.

Diesen Austausch auf Augenhöhe, ein Grundpfeiler des ECN, pflegen wir nicht nur untereinander, sondern auch gegenüber den europäischen Institutionen und Policy Maker. In zahlreichen Events und Gesprächen konnten sich die politischen Entscheider davon überzeugen, dass es sich bei diesen neuen Akteuren um Menschen mit viel Leidenschaft und Expertise handelt, die ein großes Problem lösen wollen. Unternehmensfinanzierung zu demokratisieren und damit mehr privates Kapital zu aktivieren, indem diese Privatanlegern Zugang zu neuen interessanten Assetklassen ermöglichen. Einige der bekannten Gesichter der Branche haben vorher bereits viel Erfahrung in Unternehmertum, Venture Capital und anderen Feldern gesammelt, wodurch auch immer die Anschlussfähigkeit und das gemeinsame Verständnis mit den “etablierten Akteuren” gewährleistet war und ist.

Der Markt wird sich neu gestalten

ECSP soll innereuropäische Landesgrenzen überwinden und den Markt transparenter, standardisierter und größer machen. Plattformen und andere FinTechs werden die Implikationen von ECSP genau prüfen und in ihre Entscheidung der weiteren Unternehmensentwicklung mit einbeziehen. Um eine ECSP-Lizenz zu erwerben, müssen die Unternehmen bestimmte zusätzliche bzw. veränderte Anforderungen erfüllen, deren Implementierung mitunter viel Zeit und Geld kosten wird.

Die Höhe des Aufwandes wird einen unmittelbaren Einfluss darauf haben, wie viele Unternehmen tatsächlich die ECSP-Lizenz anstreben. Sie werden sich fragen: Wollen wir den Aufwand investieren oder agieren wir erst einmal lokal weiter? Bleiben wir in unserer Nische oder fokussieren wir uns komplett auf einen anderen Bereich?

Wir sind fest davon überzeugt, dass es eine neue Konsolidierungsphase in der Crowdfunding-Industrie geben wird. Und das bedeutet ganz klar eine Chance. Es werden sich weitere Plattformen zusammenschließen und neue, grenzüberschreitende Kooperationen mit anderen FinTechs eingehen. Die Industrie wird sich weiter professionalisieren mit Standards, die regelmäßig überprüft werden. ECSP ist dabei nur der Beschleuniger dieser Entwicklung, wie wir es bereits auch bei anderen (nationalen) Regulierungen wie dem sogenannten Kleinanlegerschutzgesetz in Deutschland 2015 erlebt haben.

Über ECN

Die Non-Profit-Organisation European Crowdfunding Network (ECN) mit Sitz in Brüssel engagiert sich gemeinsam mit europäischen Plattformbetreibern für mehr Transparenz, gemeinsame Standards und ein grundsätzliches Verständnis für die Rolle des Crowdfundings als alternative Finanzierungsform und die Potentiale für die europäische Wirtschaft und Gesellschaft.

Darüber hinaus forciert das ECN die Europäische Harmonisierung des Crowdfunding Marktes mit dem European Crowdfunding Service Provider Regime (ECSP) als rechtlichen Rahmen. Im europaweiten Ausbau sehen alle Beteiligten sowie die Europäischen Institutionen großes Potenzial für die gesamte Branche. Dabei genießt die Organisation die Unterstützung durch die Europäische Kommission, die sie als Schlüsselbranche für die Verbesserung des Kapitalzugangs für KMU fördert.

Schreiben Sie uns gerne Ihre konkreten Fragen zum Thema, und wir versuchen es so gut wie möglich zu beantworten bzw. wenn die Frage für die Allgemeinheit spannend ist erweitern wir diesen Artikel gerne um weitere Aspekte. Er soll dem gemeinsamen Verständnis dienen und zum Mitmachen aufrufen.

 

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bhp