Magazin

Impact Crowdfunding: Digitale Finanzierungs-Strategien für soziales Unternehmertum #WegeBereiten
Aus der Branche

16.09.2021
Impact Crowdfunding: Digitale Finanzierungs-Strategien für soziales Unternehmertum

Am 7. September 2021 fand das Webinar „Impact Crowdfunding: Digitale Finanzierungs-Strategien für soziales Unternehmertum #WegeBereiten“ von EUROCROWD in Zusammenarbeit mit dem Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland e.V. (SEND) und mit der Unterstützung von Euclid Network und dem European Venture Philanthropy Association (EVPA) im Rahmen der SEND eV Kampagnen-Woche für Soziales Unternehmertum unter dem Titel #Wegebereiten statt. Die Veranstaltung wurde von Innovestment-Geschäftsführerin Christin Friedrich moderiert. 

Gerne fassen wir für Sie die Erkenntnisse des Webinars hier kurz zusammen. Die Aufzeichnung der Veranstaltung kann übrigens auch unter dem folgenden Link abgerufen werden: https://youtu.be/aLcYIvEEX4g 

Zum Einstieg: Was sind überhaupt Sozialunternehmer?

Sozialunternehmer setzen sich für die Lösung sozialer und ökologischer Herausforderungen ein. Sie sind der Schlüssel zur Entwicklung der Sozialwirtschaft in ganz Europa und werden seit langem als wichtige Triebkräfte der sozialen Innovation geschätzt. Das Besondere an ihnen ist, dass sie ihren Erfolg in erster Linie über ihre soziale Wirkung und erst in zweiter Linie über ihre finanzielle Nachhaltigkeit definieren. Alternative Finanzierungsinstrumente wie Crowdfunding ergänzen die etablierten Finanzdienstleistungen, verleihen den Sozialunternehmen aber auch ein stärkeres öffentliches Profil und ermöglichen eine größere Reichweite.   

Durch Crowdfunding finanziert die Mitte der Gesellschaft neue Ideen

Christin Friedrich, CEO von Innovestment und Non-Executive Chair von EUROCROWD, eröffnete das Webinar und betonte die Bedeutung, die Crowdfunding in der Vergangenheit in ganz Europa erlangt hat, sowie die Chancen, die Crowdfunding für die Sozialwirtschaft haben kann. Die Verbindung zwischen Crowdfunding und anderen alternativen Finanzierungsmöglichkeiten, wie z.B. Venture Philanthropy, staatlichen Fonds und Förderprogrammen, scheint sich bereits in ganz Europa abzuzeichnen und birgt ein erhebliches Potenzial für die zukünftige Entwicklung des Sektors.

Die Verbindung zwischen sozialem Unternehmertum und Crowdfunding wurde von Markus Sauerhammer von SEND hervorgehoben, der sich an sein erstes Social Business Start-up erinnerte und daran, wie es sich über seine ersten Kunden finanzierte. Die Digitalisierung eröffnet neue Möglichkeiten zur Finanzierung von Innovationen, Crowdfunding ist eine davon. Sauerhammer betonte die Notwendigkeit, Finanzierungsmöglichkeiten für soziale Innovationen zu schaffen, die den Bedürfnissen von Unternehmen gerecht werden, die in erster Linie soziale Wirkungen anstreben. Die Notwendigkeit dieser Diskussion sei vor den Wahlen in Deutschland besonders wichtig. Er zeigte auf, wie Crowdfunding soziale UnternehmerInnen bereits sehr gut unterstützt, aber es gibt klare Schritte, die die Regierung unternehmen könnte, um weitere Anreize für die Finanzierung sozialer Innovationen zu schaffen. Dazu gehören spezifische Steueranreize für Sozialunternehmen und eine klare Abgrenzung zu gewinnorientierten Unternehmen.

"Eine der größten Herausforderungen ist das Thema Finanzierung, weil hier Impact Investoren, Crowdfunding-Plattformen sowie entsprechende Stiftungen oft allein gelassen werden und nicht die gleiche Unterstützung der öffentlichen Hand erfahren wie gewinnmaximierende Start-Up-Gründungen."   Markus Sauerhammer

Best practices aus Europa

Dass sich Crowdfunding längst auf dem Markt durchgesetzt hat, erläuterte Oliver Gajda von EUROCROWD. Er verwies auf das jüngste europäische Gesetz (European Crowdfunding Service Provider Regulation), in dem der europäische Gesetzgeber betont, dass Crowdfunding mehr als nur Finanzierung ist, sondern auch andere Vorteile bieten kann, wie z.B. die Validierung einer Geschäftsidee, Einblicke und Informationen über Märkte und Kunden oder Marketing. Er fuhr fort, dass es vor diesem Hintergrund keinen Grund geben sollte, ständig über die Gültigkeit des Instruments zu diskutieren, sondern damit zu beginnen, seine Vorteile für Gesellschaft und Wirtschaft zu nutzen.

Unter Verweis auf eine aktuelle Studie der European Venture Philanthropy Association (EVPA) erläuterte er, dass Crowdfunding bereits einen großen Teil dessen abdeckt, was traditionelle Venture-Philanthropie-Fonds investieren würden, von nicht rückzahlbaren Zuschüssen bis hin zu Kapitalbeteiligungen an sozialen Unternehmen in einem späteren Stadium. Die EVPA vertritt die Auffassung, dass Crowdfunding bereits jetzt ein wichtiges Instrument ist, um philanthropische Finanzierungen zu kombinieren und anzupassen. Gajda wies auch darauf hin, dass das European Business Angel Network (EBAN) in einem Bericht für 2020 schreibt, dass Business Angels, die sich auf Impact-Investitionen in Sozialunternehmen konzentrieren, dies sowohl in Angel-Netzwerken als auch auf Crowdfunding-Plattformen tun. Auch hier ist die Akzeptanz von Crowdfunding in anderen alternativen Finanzsektoren bemerkenswert.

Schließlich erläuterte Gajda anhand einer aktuellen EUROCROWD-Studie, dass staatliche Organisationen in ganz Europa bereits die Möglichkeiten des Crowdfunding durch Match-Funding-Aktivitäten nutzen, um Sozialunternehmer oder finanziell ausgegrenzte Teile der Wirtschaft zu unterstützen. Er erläuterte zwei Beispiele, eines aus Mailand/Italien, und eines aus Litauen. Im ersten Fall nutzte der Stadtrat eine Crowdfunding-Plattform, um während der Covid-Krise im Jahr 2020 neben der Unterstützung durch die BürgerInnen auch Mittel in Organisationen des dritten Sektors zu leiten, die sich für die nachhaltige Entwicklung der Stadt einsetzen. Im zweiten Fall nutzte ein staatlicher Investitionsfonds eine Crowdfunding-Plattform, um gemeinsam mit Bürgern Kredite an Kleinst- und Kleinunternehmen zu vergeben, die keinen Zugang zum Bankensektor hatten. 

Sozialunternehmen tragen eine Schlüsselrolle bei der Erreichung der Sustainable Development Goals

Gerlinde Schmidt vom Euclid Network hob die Bedeutung von SozialunternehmerInnen in ganz Europa hervor und betonte die Notwendigkeit einer klareren finanziellen Unterstützung für Change Maker. Sie wies auf den Mangel an Daten über soziales Unternehmertum in Europa hin und stellte den Europäischen Monitor für soziales Unternehmertum vor, den Euclid zusammen mit seinen Partnerorganisationen, wie SEND, erstellt hat. Der Monitor zeigt, wie soziales Unternehmertum Arbeitsplätze, Integration und innovative Lösungen in ganz Europa schafft. Er zeigt auch, dass die größte Hürde für soziales Unternehmertum der Mangel an Startkapital ist, insbesondere an geduldigem Privatkapital oder an angemessenen, einfachen und zugänglichen öffentlichen Finanzierungsprogrammen. 

Die Organisation hat in Zusammenarbeit mit anderen ein Finanzierungs-Toolkit für Sozialunternehmer erstellt, das Leitlinien und Hilfe bei der Gründung bietet. Sie verwies auf relevante politische Diskussionen in Europa, die die Möglichkeit bieten, in den nächsten Jahren ein sozialeres Europa zu gestalten, wie die Europäische Industriestrategie, die Sozialtaxonomie oder der Aktionsplan für die Sozialwirtschaft. Schmidt betonte jedoch, dass der Erfolg des sozialen Unternehmertums die Beteiligung von privatem Kapital erfordert. Crowdfunding bietet den Bürgern einen direkten Zugang zu Investitionen oder zur Finanzierung sozialer Innovationen und bedarf der Unterstützung in Form einer entsprechenden politischen Förderung auf europäischer und nationaler Ebene.

Crowdfunding – Markttest inklusive

Tino Kreßner, Mitbegründer von Startnext, der deutschen Crowdfunding-Plattform auf Reward-Basis, erläuterte, wie soziale UnternehmerInnen zu einer bedeutenden Gruppe von ProjektinitiatorInnen auf ihrer Plattform geworden sind. Er hob hervor, dass Crowdfunding einen wichtigen Beitrag zu Sozialunternehmen im Allgemeinen geleistet hat, aber auch in Krisensituationen wie bei Covid oder den jüngsten Überschwemmungen in Teilen Europas zeigt, wie Crowdfunding schnell genutzt werden kann, um zusätzlich zur schnellen Katastrophenhilfe gezielte und nachhaltige Unterstützung zu leisten. Er betonte, dass Crowdfunding weit mehr als nur das Sammeln von Geld sei, und nannte Vorteile für Unternehmen wie Markttests, Verbraucherfeedback, Konzeptnachweise und Unterstützung bei Preisstrategien durch die Ermittlung der Zahlungsbereitschaft für verschiedene Preise.

„Crowdfunding ist nicht nur ein Instrument, um Kapital zu sammeln, sondern bietet die Möglichkeit, einen risikofreien Markttest zu machen.“  Tino Kreßner

Doch obwohl der Schwerpunkt auf der sozialen Wirkung innerhalb der Gesellschaft und nicht auf der Gewinnmaximierung liegt, haben Sozialunternehmer keinen Zugang zu spezifischen Finanzierungs- oder Förderprogrammen der Regierung. Darüber hinaus würden Gelder, die über Crowdfunding gegen Entgelt eingenommen werden, zum gleichen Satz besteuert wie Einnahmen aus konsumbezogenen Geschäften auf Online-Marktplätzen. Kreßner forderte die politischen Entscheidungsträger auf, klare Hilfen für SozialunternehmerInnen zu schaffen, insbesondere durch die Aufnahme von Crowdfunding in bestehende Unterstützungsprogramme und der Erlass der Umsatzsteuer für Sozialunternehmen, wenn sie ihre Dienstleistungen durch Crowdfunding testen. 

Er sagte auch, dass SozialunternehmerInnen Unterstützung bei der Übernahme der Haftung für Start-up-Kredite erhalten sollten. Die deutschen Förderbanken sollten, so Kreßner, Crowdfunding proaktiv zur Evaluierung der Kreditwürdigkeit nutzen, wie es einige der Banken bereits erfolgreich mit dem Mikrocrowd-Programm tun, bei dem Start-ups bis zu 50.000 Euro an Bankkrediten zu weniger als 1 % Zinsen erhalten können, wenn sie im Rahmen des Programms erfolgreich eine belohnungsbasierte Crowdfunding-Kampagne über mindestens 20.000 Euro durchführen. Die regionalen Förderbanken NRW Bank, IBB Bank, Bremer Aufbaubank, L-Bank, WI Bank und SAB arbeiten bereits mit diesem Modell. Matchfunding-Programme seien ein weiteres wichtiges Instrument, mit dem die Kommunen die soziale Wirkung unterstützen könnten, fügte Kreßner hinzu.

Diskussion und Fazit

In der anschließenden Diskussion wurde die fehlende Anerkennung des sozialen Unternehmertums in Form von umsetzbaren Maßnahmen hervorgehoben. Wenn man dem Ruf nach sozialer Innovation Glauben schenken will, muss die Regierung dies auch mit entsprechenden weichen Maßnahmen unterstützen, die Unternehmern einen Anreiz bieten, die soziale Wirkung in den Vordergrund zu stellen. Solange das persönliche Risiko und die Investition in soziale Güter genauso behandelt werden wie die gewinnmaximierende Innovation, wird das Interesse potenzieller UnternehmerInnen und InvestorInnen geringer sein. 

Crowdfunding hat durch sein soziales Engagement mit einem großen Publikum das Potenzial, ein Multiplikator für soziale Innovationen in der gesamten Gesellschaft zu sein. In Hinblick auf die bevorstehende Bundestagswahl wird klar: Sozialunternehmen müssen auf europäischer und nationaler Ebene unterstützt werden, insbesondere bei der Finanzierung ihrer Ideen, damit sie ihre Schlüsselrolle bei der Erreichung der SGDs nachzukommen. Es ist an der Zeit, dass die Politik versteht, dass einige Sektoren anders behandelt werden müssen. Die bestehenden rechtlichen Definitionen von Gemeinnützigkeit müssen neu definiert werden, um neue Formen von sozialem Unternehmertum, sozialer Innovation und Digitalisierung zu erfassen. 

Hier noch einmal die Papiere, die im Rahmen des Events diskutiert wurden:

bhp