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Aus der Nische in den Mainstream: Warum nachhaltige Investments boomen
Schwerpunktthema

29.03.2021
Windkraftanlage steht auf einem Sonnenblumenfeld

Lange Zeit fristeten nachhaltige Finanzanlagen wie solche in Erneuerbare Energien ein Nischendasein. Zu wenig Rendite, nur etwas für Öko-Freaks, nicht im Fokus der Banken und AnlageberaterInnen – aus unterschiedlichen Gründen fanden solche Investments nicht so einfach ihren Weg in die Portfolios der Anlegerinnen und Anleger. Doch das hat sich enorm gewandelt. Umweltverträglich zu Investieren, beispielsweise mit dem Ziel, Treibhausgasemissionen zu reduzieren oder CO2-arme Technologien zu fördern, ist Trend geworden. Es hat sich herumgesprochen, dass Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit Hand in Hand gehen können. Woran liegt das?

Der Markt für „sustainable finance“ ist in den letzten Jahren enorm gewachsen. Allein in Deutschland ist das nachhaltige Investitionsvolumen zwischen 2014 und 2018 um über 70 Prozent gestiegen (Quelle: Bundesbank). Der Marktbericht 2020 des Forums Nachhaltige Geldanlagen spricht von einem Zuwachs von 23 Prozent bei den nachhaltigen Geldanlagen im Vergleich zum Vorjahr und einer Summe von 269,3 Milliarden Euro. Dabei sind die Privatinvestitionen 2019 um 96 Prozent gewachsen.  

Im Bereich der Erneuerbaren Energien bedeuten Investitionen unmittelbar mehr Leistung: Gemäß Bloomberg New Energy Finance und der Frankfurt School of Finance können durch die 2019 getätigten Investitionen 184 Gigawatt (GW) an Erneuerbare-Energien-Anlagen gebaut werden. Das sind 20 GW mehr als 2018, entsprechend der Leistung von 74 mittelgroßen Kohlekraftwerken.  

Doch warum sind nachhaltige Finanzanlagen, auch im Hinblick auf Erneuerbare Energien, gerade so angesagt?

Dafür gibt es mehrere Gründe:

Sie sind lukrativ geworden. Solarstrom ist heute billiger als Strom aus einem neuen Kohle- oder Gaskraftwerk. Solaranlagen gelten in einigen Ländern mittlerweile als die günstigste Form der Stromgewinnung. Sprich: Durch die geringen Erzeugungskosten lassen sich mit Windkraft, Photovoltaik und Bioenergie mittlerweile Gewinne erwirtschaften. Das wirkt sich natürlich auch auf die Attraktivität als Anlageobjekt aus (Quelle: Handelsblatt)

Sie setzen sich durch. Im ersten Halbjahr 2020 kam erstmals fast die Hälfte des deutschen Stromverbrauchs aus regenerativen Energien wie Wind, Sonne, Wasser und Biomasse sorgten im ersten Halbjahr 2020 erstmals dafür, dass fast die Hälfte des Stromverbrauchs in Deutschland durch grünen Strom abgedeckt wurde. Der guten Ordnung halber: Das liegt nicht nur an den erweiterten Kapazitäten, sondern auch daran, dass die Nachfrage nach Energie während des Lockdowns – insbesondere in der Industrie – gesunken ist. Zwischen März und Juni 2020 wurden gut 15 Milliarden Kilowattstunden Strom weniger verbraucht als im Vergleichszeitraum 2019 (Quelle: IWD Institut der Deutschen Wirtschaft).  

Sie beweisen auch in der Krise Stärke. Nachhaltige Anlagen haben während der Kurseinbrüche an den Börsen besser performed als so einige Weltkonzerne. Das gilt nicht nur für Aktien und Aktienfonds. Auch grüne Anleihen entwickelten sich unverändert gut, einige Anlagenbetreiber im Bereich Wind und Sonne konnten sogar Zuwächse verzeichnen. Nachhaltige Anlagen haben während des Kurseinbruchs an den Börsen im Frühjahr besser abgeschnitten als ihre konventionellen Pendants (Quelle: Handelsblatt, Neue Zürcher Zeitung).

Sie sind in der Öffentlichkeit angekommen. Persönlichkeiten wie Greta Thunberg und ihre Fridays for Future-Bewegung haben weltweit für eine Aufmerksamkeit gesorgt, wie sie weder AktivistInnen noch PolitikerInnen jemals erreichen konnten. Und das insbesondere in der jungen Generation, die zwar noch weniger finanzstark ist, aber die Anlegerschaft der Zukunft darstellen.    

Sie werden gebraucht. Ursprünglich hatte die Bundesregierung beschlossen, dass der Anteil erneuerbarer Energien am deutschen Strommix bis 2025 40 bis 45 Prozent betragen sollte. Das Ziel wurde bereits 2019 erreicht, so dass die Zahlen angepasst wurden: Bis 2030 soll dieser Anteil nun auf 65 Prozent gesteigert werden. Auch die EU-Klimaziele werden angehoben. Außerdem werden konventionelle Energien bald teuer: Unternehmen, die Heizöl, Erdgas, Benzin und Diesel in den Markt bringen, müssen ab 2021 über den neuen nationalen Emissionshandel einen CO2-Preis bezahlen. Ein Grund mehr, emissionsarme Wege zu gehen.

Seit Einführung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes im Jahr 2000 ist der Anteil grünen Stroms am Energiemix kontinuierlich gestiegen.

Sie werden nachgefragt. Schon heute wird jeder zehnte Euro in nachhaltige Finanzanlagen investiert. Schon 2025 soll es jeder vierte sein. Gemäß einer Studie der Puls Marktforschung im Auftrag der Quirin Privatbank planen 20 Prozent der Privatanlegerinnen und -anleger, in Zukunft komplett nachhaltig zu investieren. „Für die kommenden Jahre erwarten wir einen weiteren Schub für die nachhaltige Geldanlage privater Anleger“, sagt auch Volker Weber, Vorstandsvorsitzender des Forums Nachhaltige Geldanlagen. „Wenn die Kundenberater in Banken und Sparkassen als auch die freien Finanzvermittler ihre Kunden zukünftig nach ihrem Interesse an einer nachhaltigen Geldanlage fragen müssen, wird das Engagement dieser Anleger weiter steigen.“

Wer investiert in Erneuerbare Energien?

Derzeit sind institutionelle Investoren mit Abstand die wichtigsten Unterstützer: Ihr Marktanteil macht rund 89 Prozent aus. 27 Prozent davon entfallen auf kirchliche Institutionen und Wohlfahrtsorganisationen, 19 Prozent auf Versicherungen und weitere 17 Prozent auf die öffentliche Hand. Auch Banken mit Nachhaltigkeitsfokus sind auf dem Vormarsch: Sie machen mittlerweile rund 15 Prozent der nachhaltigen Geldanlagen aus (Quelle: Forum Nachhaltige Geldanlagen).  

Das nachhaltige Investieren nimmt auch im Venture Capital-Bereich an Wichtigkeit zu. Der erste Fonds des schwedische VC Norrsken war 25 Millionen Euro groß. Beim Nachfolger, der derzeit auf dem Markt ist, liegt das Volumen schon bei 100 Millionen Euro. Die Unternehmen, in die investiert wird, müssen sich an den Sustainable Development Goals (SDG) der Vereinten Nationen orientieren. Für private Anlegerinnen und Anleger ist dennoch wenig Platz dabei: Aufgrund der Regularien der BaFin liegt die Mindestanlage bei 200.000 Euro (Quelle: Handelsblatt).  

Dabei ist die Nachfrage hoch, insbesondere jetzt. In der oben erwähnten Studie für die Quirin Privatbank gibt ein Drittel der Befragten an, dass die Coronakrise sie dazu angeregt hat, mehr auf Nachhaltigkeit bei der Geldanlage zu achten. Dafür spricht auch der beeindruckende Erfolg der Hamburger Tomorrow Bank: In nur fünf Stunden konnte die nachhaltige Neobank im Oktober 2020 drei Millionen Euro einwerben. Eine gute Geschäftsidee und eine starke Community brachten die Server zum Glühen – und private Anlegerinnen und Anleger zu der Möglichkeit, sich auch mit kleinen Summen zu beteiligen. Das zeigt, wie wichtig die auch von Innovestment geforderte Demokratisierung der Finanzanlage ist, die es Menschen bereits mit kleineren Beträgen ermöglicht, nachhaltig zu investieren und damit breiter zu streuen (Diversifizierung).  

Ökologie als Wettbewerbsfaktor

Wenn das Interesse an Nachhaltigkeit und Klimaschutz so hoch ist, was bedeutet das dann für die Wirtschaft?  

„Früher hieß es häufig, dass man sich Nachhaltigkeit leisten können muss, also nur finanziell erfolgreiche Unternehmen Geld in den Umwelt- und Klimaschutz investieren können, Heute setzt sich immer stärker die Erkenntnis durch, dass eine an den Prinzipien der Nachhaltigkeit ausgerichtete Unternehmensführung nicht die Folge, sondern die Wurzel wirtschaftlichen Erfolgs ist.“  sagt Rolf D. Häßler, Geschäftsführer des Instituts für Nachhaltige Kapitalanlagen (NKI), gegenüber der Frankfurter Rundschau. 

  • Wer mit Energie und Rohstoffen effizient umgeht, 
  • Mitarbeiter und Zulieferer fair behandelt und 
  • vor allem Produkte anbietet, die dem steigenden Bedarf nicht nur der Privatkunden nach umwelt- und klimaverträglichen, 
  • regionalen und gesunden 
  • sowie fair produzierten Produkten genügen, 
  • schaffe sich ein stabiles und zukunftsfähiges Geschäftsmodell, 
  • das gerade auch unter Krisenbedingungen widerstandsfähiger sei, 

so Häßler weiter. 

Dementsprechend geben jetzt zahlreiche und namhafte Unternehmen Gas im übertragenen Sinne. Bei manchen stellt sich jedoch die Frage, ob es aus eigenem Antrieb oder auf Druck von außen geschickt. Das Handelsblatt unterscheidet hier zwischen Vorreitern und Marktfolgern.

„Wenn Unternehmen wie BP jetzt nicht in Erneuerbare investieren und seine Öl- und Gasproduktion sukzessive herunterfahren würde, liefe es Gefahr, den Anschluss zu verlieren“ schreibt Kathrin Wisch in ihrem Essay „Pioniere, Vorreiter und Nachahmer: Warum die Klimawirtschaft endlich boomt“.

Auch die RWE vollziehe den Wandel von Braun zu Grün, weil sie keine andere Wahl hat.

Die Startup-Branche hat es hier etwas leichter, denn sie können sich von vornherein nachhaltig positionieren. Der Deutsche Startup Monitor 2020 ermittelt, dass sich mehr als 43 Prozent der jungen deutschen Unternehmen der „Green Economy“ zuordnen. Ungefähr gleich viele sehen sich in einer besonderen Verantwortung als Social Entrepreneur. Die BMW Foundation Herbert Quandt setzt mit ihrem neuen Accelerator-Programm auf eben diese Unternehmen: Startups, die Ökonomie und Ökologie zusammenbringen. Wie beim Norrsken Fonds werden auch hier die SDG zugrunde gelegt.  

Und so werden die Vorreiter von Exoten zu Vorbildern, wie das Handelsblatt sie definiert: Unternehmen, die ihr Geschäft schon lange vor dem Trend zur „Green Economy“ auf ein nachhaltiges Wirtschaften ausgerichtet haben. Diese Vorreiter haben nicht erst den Druck aus Politik und Gesellschaft benötigt und sich als „Klimapioniere“ bewiesen.  

Dazu gehören Unternehmen wie Rinovasol, die Photovoltaikmodule wieder aufbereitet und ihre Nutzungszeit damit deutlich verlängert. Damit wird die Erzeugung von Erneuerbaren Energien noch nachhaltiger und vor allem deutlich günstiger, so dass Ökostrom weltweit erschwinglich wird. 

Wie eine Jäderberg & Cie, die mit ihren Sandalwood Investments nicht nur einen wertvollen Baum vor dem Aussterben rettet, sondern gemeinsam mit großen institutionellen Investoren wie der Stiftung der Harvard University, dem größte Staatsfonds der Vereinigten Arabischen Emirate und der Church of England zum Klimaschutz beitragen.  

Wie reconcept, die seit über 20 Jahren neue Energieprojekte mit Investoren verbinden und in dieser Zeit mehr als 230 Erneuerbare-Energien-Anlagen mit einer installierten Leistung von 370 Megawatt realisiert hat.  

Und wie die Vereinte Energiegenossenschaft eG, die die Voraussetzungen für eine dezentrale grüne Energieversorgung ohne Subventionen schafft. 24 effiziente Blockheizkraftwerke, drei Photovoltaikanlagen, eine Windkraftanlage, zwei LED-Projekte und ein eigener Ökostromtarif künden vom Erfolg.  

 

Gut für die Umwelt – gut für’s Portfolio!

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bhp