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Warum Sparen auch kontraproduktiv sein kann
Ratgeber

06.01.2020
Eine Spardose in Form eines Einhorns

Wasser muss fließen, in stehenden Gewässern existiert nur eingeschränkt Leben. Analog vertreten wir die Meinung, dass Geld in den Umlauf gehört, um die Realwirtschaft mit dringend benötigtem Sauerstoff zu versorgen. Und dafür spricht einiges, sowohl aus Anlegersicht als auch im Interesse des Wirtschaftsstandortes. 

Wenn man fürs Sparen bestraft wird

Sparen an sich ist eine gute Idee, die Altersvorsorge profitiert jedoch von der derzeitigen Zinslandschaft kaum. Die Frankfurter Volksbank gab just bekannt, ab März 2020 ein Verwahrentgelt  in Höhe von 0,55 Prozent auf Einlagen von zunächst lediglich Neukunden zu erheben, also die Negativzinsen der EZB weiterzureichen. Die Comdirect sieht eine ähnliche Regelung für Kunden vor, deren Giro-Kontostand jenseits von 250.000 Euro liegt

Diese Entwicklung ist zwar nicht neu, hat jedoch paradoxe Folgen, denn während die Zinsen fallen, steigt die Sparquote der Haushalt seit Jahren an. “Die Bürger sparen immer mehr. In vielen Ländern legen sie sogar einen immer größeren Teil ihrer Einkommen zurück. Die gesamtwirtschaftliche Sparquote in der Eurozone hat sich netto (nach Abzug von Abschreibungen) seit 2009 fast verdreifacht. In Deutschland allein hat sie sich immerhin verdoppelt, wie Zahlen der OECD zeigen”, schreibt etwa das Manager Magazin

Tatsächlich pendelt die Sparquote deutscher Haushalte seit dem Jahr 2000 um die zehn Prozent und liegt an der Spitze innerhalb der EU. Allerdings ist die Sparquote eben ein gemittelter Wert und aufgeschlüsselt nach Altersgruppen ergibt sich ein heterogenes Bild. So legen Berufseinsteiger relativ viel Geld auf ihre Sparkonten, während die Sparer zum Rentenbeginn eher freigiebiger mit ihrem Geld umgehen. Zumindest war es zwischen 1993 und 2008, dem Beginn der Finanzkrise, so, wie Zahlen des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung nahelegen. Das deckt sich in etwa mit den historischen Daten von Innovestment: Der jüngste Anleger war 18 Jahre alt, der älteste 79 Jahre jung, im Durchschnitt waren die Innovestment-Investoren 41 Jahre alt.  

Diese hohen Sparquoten sind nur bedingt gut und womöglich noch ein Erbe der Hyperinflation (und anschließender Deflation) der 30er Jahre, also einer Zeit, die die allermeisten heute lebenden Deutschen nicht persönlich erlebt haben, also Ausdruck eines nationalen Traumas. Denn auch abgesehen von Inflation führen hohe Sparquoten allein nicht automatisch zu Wohlstand, wie die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) in einer Studie darlegt: “Trotz einer weiterhin hohen Sparquote in Deutschland, die im Jahr 2013 bei 9,1 Prozent verweilte, während der Durchschnitt der Euro-Zone bei 6,1 Prozent lag (OECD, 2015b), ist die Entwicklung des Vermögens schwächer als in anderen europäischen Ländern. Als ein Grund könnte die mangelnde Partizipation der privaten Haushalte an der Entwicklung des Produktivvermögens angesehen werden. In anderen Ländern ist entweder der direkte Besitz von Aktien und Fonds verbreiteter als in Deutschland (zum Beispiel: Finnland, USA), oder aber die Privathaushalte sind in einem breiteren Maße indirekt beteiligt. In den Niederlanden sind beispielsweise die Versorgungswerke und Pensionskassen stärker in Aktien und Aktienfonds investiert (vgl. OECD, 2012).”

Was mit einer Gesellschaft passiert, wenn Kapital ruht

Produktivvermögen also. Aber wie wird Vermögen produktiv? Im Grunde genommen ist der Zusammenhang zwischen Sparquote und Innovationskraft schon seit Jahrzehnten bekannt. Der US-Ökonom Robert Solow etwa, der 1987 den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften der Schwedischen Reichsbank einheimste, zeigte bereits 1956, dass eine höhere Sparquote zwar das Pro-Kopf-Einkommen anzuheben vermag, nicht aber dauerhafte Wachstumsraten produziert. 

Das erinnert an das Spanien des 16. Jahrhunderts, das munter “seine” Silberminen in Potosí plünderte oder andernorts Gold aus seinem Kolonialreich exportierte, um der Krone prächtige Paläste zu finanzieren. England hingegen, das Spanien Geld geliehen hatte für jene südamerikanischen Beutezüge, investierte das geschuldete Geld in seinen Fortschritt. Wo die Industrielle Revolution ihren Ausgang nahm und wer noch jahrhundertelang auf dem Produktivitätsniveau des Mittelalters verharrte, ist bekannt.

Quo vadis, Standort Deutschland?

Wie sich Kapital frei entfalten kann, um innovativen Unternehmen eben jenen benötigten Sauerstoff zuzuführen, demonstriert ein Nachbar im Norden. Interessanterweise kann der Wohlfahrtsstaat Schweden trotz einer hohen Sparquote seit Jahren mit der europaweit höchsten Wagniskapitalsumme pro Kopf aufwarten. Nur im Silicon Valley werden mehr als Schwedens 136 US-Dollar pro Kopf investiert, Deutschland kommt nicht mal auf ein Drittel dessen. Auch das ist ein Grund, warum das kleine Schweden digitale Marktführer und Schwergewichte wie Skype, Spotify, King, Mojang, Klarna, Oatly und iZettle hervorgebracht hat und zwischen 2000 and 2014 stolze 263 Exits in Höhe von 23,7 Milliarden US-Dollar, wie VentureBeat berichtet.

Die Zurückhaltung bei den privaten Investitionen ist bedenklich für den Standort Deutschland, denn unzureichende Förderung vertreibt Start-ups. Verglichen mit seinen EU-Nachbarn investiert Deutschland unterdurchschnittlich viel in seine Jungunternehmen, schreibt das Handelsblatt. Gegenüber den USA und China ist Deutschland erst recht ins Hintertreffen geraten in puncto Finanzierung. Allerdings zeigt der Trend auch in Deutschland merklich nach oben, erhielten hiesige Start-ups 2018 doch mit knapp 4,6 Milliarden Euro so viel Wagniskapital wie nie zuvor, ein Zuwachs von 7 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Was für Start-ups gilt, gilt für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) nicht minder. KMU stellen die Mehrheit aller sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten und bis zu 99,5% aller Unternehmen (je nach Definition) gelten hierzulande als KMU. Insgesamt sind sie solide finanziert. Bei jenen KMU, die noch davor stehen, sich vielleicht in jene “hidden champions” zu verwandeln, für die der deutsche Mittelstand so berühmt ist, sieht es laut Carl-Dietrich Sander, Leiter der Fachgruppe Finanzierung-Rating im Bundesverband "Die KMU-Berater" anders aus, denn „bei jungen und kleineren Unternehmen hakt es oft, weil ihre Bonität schlechter ist oder die Banken ganze Branchen wie etwa die Gastronomie komplett meiden.“ Fehlende Sicherheiten, die sich aus zu geringem Eigenkapital der Kreditnehmer ergeben, seien hier das Problem, schreibt die WiWo – und erwähnt an gleicher Stelle, dass Crowdfunding auch bei der Mittelstandsfinanzierung inzwischen eine etablierte Alternative ist. Amen. 

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bhp